Hagen Rether



Hagen Rether - "Liebe"

Auf Einladung von karokult gastierte der wortgewandte, blitzgescheite, charismatische Kabarettist Hagen Rether in der restlos ausverkauften Max-Joseph-Halle. Mit sadistischer Ironie und sarkastischer Schärfe servierte er dem Publikum Wahrheiten des Lebens als schwer verdauliche Kost, die selbst dem hartgesottensten Zuschauer mitsamt dem Lachen schier im Halse stecken blieb. Dreieinhalb Stunden lang bescherte Rether der „handverlesenen Karoer Kulturelite“ einen Abend, an dem er mit messerscharfem Urteil Papst Benedikt, George Bush, Osama Bin Laden, den Dalai Lama, Günther Grass und natürlich die politische Prominenz vorführte und über die Klinge springen ließ.

Manch einem im Publikum gingen die Ausführungen Rethers, vor allem zu Kirche und Glauben zu weit. Andere fühlten sich in ihrer kritischen Haltung vollkommen bestätigt. Provozieren möchte Rether und zum Denken anstoßen, wenn er Bin Laden und Schäuble als zwei „Paranoiker auf Kriegspfad“ bezeichnet, darüber reflektiert, wie viele Iraker noch leben könnten wenn George Bush an seiner berühmten Brezel erstickt wäre und den Papst als „Sicherheitsrisiko“ tituliert. „Das doofe an meinem Programm“, sagt er selbst, sei dass kaum etwas erfunden sei. Nackte Tatsachen verkleidet er in rhetorischer Brillanz, begleitet vom Spiel am Flügel. Er legt den Finger in offene Wunden und bohrt so lange, bis es richtig weh tut. Schlecht davon kommen die Kirche und ihre Stellvertreter.

 

Wie passe es zusammen, dass man Vertrauen predige, aber im gepanzerten Papamobil durch die Städte fahre? Wenn man schon Angst vor den eigenen Schäfchen habe, was tue man dann erst wenn der Wolf käme? Angst prangert Rether immer wieder als Mittel der Kirche an, um ihre Mitglieder bei der Stange zu halten. Ohne den Teufel, ist sich Rether sicher, wäre das Christentum schon längst am Ende, denn „ohne die Hölle im Nacken würde Keiner diesen Zirkus freiwillig mitmachen.“ In diesem Zusammenhang formulierte Rether einen Satz zum „Mit nach Hause nehmen“: „Demut vor der Schöpfung und Nächstenliebe“, das reiche für eine friedliche Welt.

Gar nicht nächstenlieb kommentierte der Kabarettist die politische Lage. „Greise an die Macht“, heiße es in der Politik, weshalb der Bundestag ein „Friedhof von Alphatieren“ sei. „Alte Säcke mit neuen Posten- Gammelfleisch wird einfach umetikettiert.“ Kanzlerin Merkel sei so authentisch, dass es ihm körperliche Schmerzen verursache und ihr geistiger Ziehvater Helmut Kohl habe durch vieles Lügen keine lange Nase, sondern einen immer beträchtlicheren Leibesumfang bekommen. Würde Kohl einmal ein Spenderherz bekommen, würde er sicher auch in diesem Fall den Spender nicht nennen“. Die Regierung Kohl bezeichnet er als „organisiertes Verbrechen“, die Regierung Schröder als „unorganisiertes Verbrechen.“ Und so redet er sich süffisant durch die komplette politische Landschaft, nimmt auf dem Weg noch Michel Friedmanns Prostituiertenskandal und Günther Grass SS- Zeit mit, schlägt noch gekonnt einen Haken zu Bruno dem Bären, und Karin Stoiber, der er den Abend widmete. Mit Sätzen wie: „Man weiß zu wenig“ „Wie wärs einmal mit selber denken, als sich Sinnsprüche des Dalai Lama an die Kühlschranktür zu heften?“ entlässt Rether das begeisterte Publikum.

 

Kölnische Rundschau 08.10.2004:

Der Mann ist anders als seine Kollegen. Eleganter Anzug, gepflegter Zopf und ebensolches Pianospiel. Wenn Kabarettist Hagen Rether auf die Bühne geht, wird´s leise. Beiläufig freundliches Plaudern über dies und das, mal ein Löffel Joghurt zwischendurch. Doch kaum wiegt man sich in Sicherheit: schon wieder eine dieser Pointen, die ihre Explosionskraft gerne mal mit Verzögerung freisetzen.

„Liebe“ heißt Hagen Rethers Programm. Wie der Essener das meint, versteht man, je länger der Abend dauert: bei Rether nämlich schließen sich Hirn und Herz nicht aus. Dabei ätzt er sich durch die Mängel seiner Heimat („Wenn so Essen aussieht, wie sieht dann Kotzen aus?“), vor allem aber die der Politik jeglicher Couleur. Es geht um Schröder, Schily und den „kategorischen Instinktiv“ der Amerikaner. Er widmet den Abend Barbara Bush, die „nach der Geburt hoffte, ihr Sohn George W. sei gesund“.

Rether denkt an Lehrer, die Kinder unterrichten, mit denen sie selbst früher nicht hätten spielen dürfen, an unseren zynischen Umgang mit lebenden Fleischlieferanten und die eitle Selbstverliebtheit von Herbert Grönemeyer („Schön, dass es mich gibt“).

Geradezu genial entrollt Rether zur eigenen raffinierten Klavierbegleitung seine Assoziationsketten, in denen auch mal ein Shakespeare-Sonett vorkommt. Die eigenen Übergänge und Pointen stellt er zwischendurch mit einer in der Branche gänzlich unüblichen Selbstironie in Frage. In seiner Zugabe träumt der Shooting-Star, der in diesem Jahr u.a. mit dem „Prix Pantheon“ ausgezeichnet wurde, jedenfalls schon von der künftigen Existenz als „Prinz im Feuilleton“. Da kann er ganz beruhigt sein.

 


Veranstaltungs-Info:

Datum: 28. September 2006 - 20.00 Uhr
Ort: Max-Joseph-Halle, Kolberplatz 1, 83109 Großkarolinenfeld