Helmut Schleich



Helmut Schleich - "Mutanfall"

"Ein Deutscher ohne Ängste ist wie ein Chinese ohne Schlitzaugen." So kann man das auch sehen. Da gibt es etwa die posttraumatische Verbitterungs­störung. Diese habe Edmund Stoiber seit 2002. Der das behauptet, muss es wissen: Helmut Schleich ist Kabarettist von Beruf, und bei seinem Auftritt im voll besetzten Saal im Gasthof „Zum Bräu“ in Tattenhausen allen Anlass zu Lachfalten.

Er begann als nervöse Ein-Euro-Humor-Aushilfe Max Max, die ihr Heil im Vorlesen von Robert Lemb­kes Lieblingswitzen findet, tobte als holländische Publikumsangst Kack van Houten über die Bühne, um bald als braver Angstmachermeister Flügel die Vorteile "sehr schöner deutscher Ängste" zu preisen. Dessen Tipp für Deutschland: "Wir brauchen besser Stimmung – statt Merkel und Münte lieber Marianne und Michael!"

In seinem "Mutanfall" schlüpfte Schleich in viele Ängste. Die wohl beste war jener Stammtischgrantler, der sich von jedem Neid freisprach, aber auf "die mit ihren Seidentüren und Maha­goni­tapeten" habe er "schon einen Hass". Ein Knüller auch Ordnungsfanatiker Oskar, der lieber ordentlicher träumte ("von Regalen oder so"), deshalb nicht mehr schläft und das Trinkwasser mit "Hallowach" verseuchen will.

 

Schleich, zum zweiten Mal bei karokult zu Gast, hat ein untrügliches Gespür für Figuren, die nur minimale Übertreibung brauchen, um explosive Komik zu entwickeln. Seinen Ängsten gibt er mit irrwitziger Mimik unverwechselbare Eigenheiten. So schaffte er es am Sonntag auch, das Komik-Level zwei Stunden lang ganz oben zu halten.
Trotzdem: Von den Verlockungen billiger TV-Comedy ist Schleich weit entfernt. Hier passte der Humor-Fabrikant Bodo Bolsenkötter ins Bild, der vorab einige noch unpointierte Witz-Rohlinge präsentierte. Und die Angst vor drohender Sprachprivatisierung klingt fast schon ernst. Schließlich sei das Wort "Zipfelklatscher" schon an Mitsubishi verkauft worden. Heute allerdings sei das gleichnamige Auto als Smart Roadster auf dem Markt.
Aktuelle Spitzen ("Ich hab keine Angst vor Schlachtabfällen, in Bayern nennt man das Leberkäse") bettet Schleich in die sich fortwährend wilder ausbreitenden Psychosen seine Figuren, was dem Wahnsinn noch mehr den Anstrich von Normalität gibt.

Zwischendurch beschlich Aushilfe Max Max die Furcht, anwesende Kritiker ("so eine negative Berufsbezeichnung") könnten sich mit gezückten Federn auf ihn stürzen, was ihn zum Bestechungsversuch mittels Salamisemmel verleitete. Zu Maulen gab's da freilich nix. Die Angst vor den Lachfalten aber – die war begründet.

 




Veranstaltungs-Info:

Datum: 27. April 2006 - 20.00 Uhr
Ort: Gasthof "Der Bräu", Tattenhausen